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4. Forum Landesgartenfachberatung – Zur Zukunft des Kleingartenwesen „Zur Zukunft des Kleingartenwesens in der sich entwickelnden Freizeitgesellschaft“ diskutiert. Die Ergebnisse der Veranstaltung werden von uns zusammengestellt und können im Internet abgerufen bzw. über uns (in Papierform gegen Schutzgebühr von € 2,50 + Portopauschale € 1,45) abgefordert werden. Das 5. Forum wird am 20. Januar 2008 durchgeführt. Das Thema wird nach Auswertung und Beratung unter Teilnehmerbeteiligung entwickelt.
Dipl. Ing. Ernst Stösser, Leitender Gartenbaudirektor der Stadt Regensburg Stehen historisch gewachsene Werte einer weiteren Entwicklung des Kleingartenwesens im Wege? Meine sehr geehrten Damen und Herren, die Berliner Gartenfreunde nehmen die Grüne Woche zum Anlass, eine Schulung für die Kleingartenfachberater und die Funktionäre durchzuführen. Die Präsentation des Verbandes in den Hallen der Grünen Woche ist nach meinem Dafürhalten großartig gelungen – eine echte Werbung für das Berliner Kleingartenwesen. Eine tolle Präsentation des Obstbaumschnittes, der Gartenkultur sowie die Präsentation von Lauben zeigen die hohe Gartenkultur des Kleingartenwesens in Berlin. Für Regensburger Verhältnisse hätten wir lediglich eine kleinere Laube gewählt, da solche Komfortlauben – wie in der Grünen Woche präsentiert – auch wegen der Unterschreitung der gesetzlich zulässigen Maximal-größe in Regensburg, nicht umgesetzt werden können. Mit dem Thema: „Stehen historisch gewachsene Werte einer weiteren Entwicklung des Kleingartenwesens im Wege?“ haben Sie für mich ein Thema gewählt, bei welchem es auch notwendig wird, die 150jährige Geschichte des Kleingar-tenwesens wenigstens in den Ansätzen aufzuarbeiten. Lassen Sie mich mit einem Zitat beginnen: „Entgegen mancher populärer Annahme sind Kleingärten nicht einfach so entstanden, sondern sie sind historisch die Konsequenz aus dem schlechten Gewissen von Mitgliedern höherer Gesellschaftsschichten gegenüber ärmeren Stadt-bewohnern und wichtiger als das schlechte Gewissen jener. Sie sind die Konsequenz des selbstbewussten Vortragens von Ansprüchen auf einen privat nutzbaren Freiraum, einen Kleingarten, durch die Habenichtse der Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Deutschland.“ Diese Formulierung wurde einem Vortrag des Landesverbandes Bayerischer Kleingärtner der 80er Jahre entnommen, der mit Sicherheit zusammenfassend für die Entwicklung der Kleingärten in Deutschland nicht kritikfrei stehen kann. Lassen Sie mich meinen Vortrag wie folgt gliedern: • Historische Entwicklung des Kleingartenwesens Historische Entwicklung des Kleingartenwesens Das Kleingartenwesen in Deutschland hat eine ca. 150jährige Geschichte. Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert zog große Bevölkerungsmassen in die Städte bzw. in deren Randgebiete. Unter der Arbeiterschaft wuchs die soziale Not. Es entstanden vielfach gesundheitliche Probleme und es kam zu einer Verarmung von breiten Bevölkerungsschichten. 1830 waren die Armengärten in Kiel Indikatoren für die damalige Entwicklung. Dr. Daniel Gottlieb Moritz Schreber forderte Spielplätze zur Ertüchtigung der Jugend und zur Förderung der Gesundheit. • 1864 Dr. Hausschild setzt Erbe seines Schwiegervaters um; • 1921 Gründung des Reichsverband der Kleingarten- vereine Deutschlands • 1939 2. Weltkrieg: Ernährungspolitische Bedeutung des Kleingartenwesens • Bis 1949 Landesgesetze zum Kündigungsschutz in Württemberg-Hohenzollern, Baden, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein • Neues Kleingartengesetz ab 01. April 1983
In der relativ langen Geschichte des Gartenwesens entwickelten sich viele Gartentypen, die direkt oder indirekt mit dem Kleingartenwesen in Verbindung stehen. Es handelt sich hierbei um: - Festungsgärten 1800
Das Nachkriegskleingartenwesen in Deutschland war geprägt von sozialer Not.
Auch wenn sich die Einkommensverhältnisse in den letzten Jahren nicht zusammen mit der allgemeinen Teuerung entwickelt haben, sprechen wir von einer Wohlstands- und Freizeitgesellschaft. Höheres Einkommen oder relativ gute soziale Absicherung
Mit der Änderung der Sozialstruktur und der gesellschaftlichen Bedürfnisse hat sich auch die aktuelle Kleingartensituation in unseren Städten verändert. Nachfolgende Stichpunkte wären hierbei zu nennen: • Kleingärtner verhalten sich nicht immer gesetzeskonform
Motiv für die Kleingartenbewirtschaftung in Regensburg Eine repräsentative Umfrage unter Regensburger Kleingärtnerinnen und Kleingärtnern ergab folgende Motive für die Bewirtschaftung von Kleingärten (Mehrfachnennungen waren möglich): 45 % Versorgung mit Obst und Gemüse 56,9 % Ausgleich zur beruflichen Beschäftigung 63,4 % Gesunde Tätigkeit im Freien 66 % Naturverbundenheit 70,8 % Freizeitgestaltung 76,7 % Ruhe und Erholung
Die Einstellung der Städte zum Kleingartenwesen hat sich teilweise geändert. • Die finanzielle Situation zwingt die Städte zur Ausgabenreduzierung
Im Oktober 2006 beabsichtigt Hamburg die Einbringung eines Gesetzänderungsantrages zur Novellierung des Bundeskleingartengesetztes und die Ergänzung des Paragraphen 3. Der § 3 lautet derzeit wie folgt: § 3 Nach Vorschlag Hamburg sollte folgende Ergänzung erfolgen: § 3a Mir als kritischer Beobachter des Kleingartenwesens in Deutschland ist dieser Änderungsantrag sehr suspekt, da bereits heute viele der Kleingärten in Hamburg über die nun gewünschten Standards verfügen. Es war also genügend Zeit theoretisch dieses beabsichtigte Modell zu erproben. Dieser Vorschlag stellt nach meiner allgemeinen gesamtkleingärtnerischen Beurteilung keinen Beitrag zur Sicherung des Deutschen Kleingartenwesens bei. Die Diskussion Umwandlung von Kleingartenanlagen in Ferienhausgebiete sind uns aus anderen Städten bekannt.
Teure Kleingärten haben für das Kleingartenwesen folgende Auswirkungen: • Ausgrenzung von sozial Schwachen Um den sozialen Charakter des Kleingartenwesens gesetzeskonform umzusetzen ist es notwendig, ggf. auch die Zielgruppe von Gartenpächterinnen und Gartenpächtern zu fördern. Aufgrund stagnierender Einkommen und teilweise auch hoher Arbeitslosigkeit bei Kleingarteninteressenten und Pächtern kann sich eine Familie mit 2 Kindern häufig einen Kleingarten für 6.000 € nicht leisten. Es ist deshalb notwendig für das soziale Kleingartenwesen eine entsprechende Öffentlichkeitsarbeit umzusetzen. Auch die Vermittlung von Darlehen durch Städte oder durch die Verbände wäre denkbar, auch könnte man sich vorstellen, Leasingmodelle einzuführen. Manche Generalpachtverträge in den Städten sehen heute schon die Vergabe der Gärten nach sozialen Kriterien bzw. nach Kinderreichtum vor. Fragwürdige neue Kostenmodelle wie z. B. Grundpacht + Sozialabgabe werden mitunter diskutiert, sind jedoch nach meiner Auffassung entbehrlich.
Die Not einzelner Städte, ihre Haushalte abzugleichen, führte zu Kaufangeboten an mehrere Städte, das Kleingartenpachtland für den 12,5 bis 20fachen Pachtzins zu erwerben Der VDGN (Verband Deutscher Grundstücksnutzer) betrachtet den Kleingarten in seiner herkömmlichen Form als Auslaufmodell und fordert u. a. Die Änderung des Bundeskleingartengesetzes
• Richter sehen die kleingärtnerische Nutzung der Anlagen und Parzellen selten Nutzerfreundlich Das Gericht kommt zu folgendem Ergebnis: a) In einer Kleingartenanlage muss nicht 50% der Fläche mit gartenbaulichen Erzeugnissen Der AK Kleingartenwesen der GALK im Deutschen Städtetag hat folgende Formulierung vorgeschlagen: „Die kleingärtnerische Nutzung im Sinne dieses Gesetzes ist erfüllt, wenn mindestens 1/3 der Fläche für den Anbau von gartenbaulichen Erzeugnissen für den Eigenbedarf verwendet wird. Dieser Forderung wird Rechnung getragen, wenn diese Fläche mit Obst, Gemüse und sonstigen Kulturen, bzw. Heil- und Gewürzkräutern kultiviert wird. Bei den Obstbäumen wird hierbei die Projektion der augenblicklichen Kronenfläche auf die Gartenfläche berücksichtigt.
Das herkömmliche Kleingartenwesen hat es schwer: Bei weiterer Finanzknappheit werden die Städte versuchen, weiter Kosten abzuwälzen
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Vortrag von Prof. Dr. rer. hort. habil. Gert Gröning
Meinen Vortrag habe ich in 5 Punkte untergliedert. Zunächst werde ich ein paar Anmerkungen zur sich entwickelnden Freizeitgesellschaft machen. Daran schließen sich Ausführungen über das Kleingartenwesen als Element urbaner Gartenkultur und die weltweite Tendenz zur Verstädterung an. Damit ist gleichzeitig der Rahmen gesetzt, in dem das Kleingartenwesen im frühen 21. Jahrhundert seine Rolle spielen kann. Im dritten Punkt werde ich kurz auf die Bedeutung des Kleingartenwesens bei der Ausbildung organisatorischer Strukturen und den damit gegebenen Chancen zur aktiven politischen und sozialen Teilhabe vor dem Hintergrund der sich entwickelnden Freizeitgesellschaft eingehen. Es folgen einige Bemerkungen zur Gartenarbeit als sinnstiftender Tätigkeit im Rahmen eines immer mehr erwachenden Bewusstseins für die Verletzlichkeit äußerer Natur und schließlich einige Hinweise auf Ziele einer zukunftsorientierten Kleingartenpolitik in der sich entwickelnden Freizeitgesellschaft. 1. Anmerkungen zur sich entwickelnden Freizeitgesellschaft Zunächst also einige Anmerkungen zur sich entwickelnden Freizeitgesellschaft. So ganz neu ist es nicht sich Gedanken über die Freizeit zu machen.
BDG, Heft 110, Bonn 1995 "Freizeit und Garten" Vor nunmehr fast genau einem halben Jahrhundert, 1958 - es fehlt also nur ein Jahr daran - hat der Sozialwissenschaftler Jürgen Habermas seine "Soziologischen Notizen zum Verhältnis von Arbeit und Freizeit" in einer Festschrift zu Ehren seines akademischen Lehrers Erich Rothacker (1888-1965) veröffentlicht. Darauf möchte ich hier noch einmal aufmerksam machen. Die ersten Sätze dieses Beitrags von Habermas lauten: "'Freizeit' führt in unserem Sprachgebrauch eine doppelte Bedeutung. Zunächst einmal meint sie die von Berufsarbeit freie, die von ihr ausgesparte oder übrig gelassene Zeit. Freizeit bestimmt sich in einer Gesellschaft, deren zentrale Kategorie immer noch die Arbeit ist, negativ: sie gilt als eine Art Rest. Sie verweist im Gegensatz zu den vorindustriellen Formen arbeitsfreier Zeit wie Feierabend, Fest oder Müßiggang, nicht schon auf konkrete Inhalte; ihre Freiheit ist zunächst eine Freiheit von Arbeit und sonst nichts. Damit wird Freizeit als eine bürgerliche Freiheit interpretierbar. Sie gewinnt den Schein individuell disponibler Zeit. Sie gibt sich als Privatsache - eben so, als sei sie unserm freien Belieben anheim gestellt. Mochte Habermas in den späten 1950er Jahren noch mit einer gewissen Berechtigung von einem ungefähr gleichgewichtigen Doppelgebrauch des Worts Freizeit, einerseits als die "von Berufsarbeit freie Zeit" und andererseits als "kollektiv disponierte Zeit" ausgehen, so scheint mir das zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht mehr gegeben. Würde heute jemand von den vielfältigen Freizeitereignissen, deren Zeit "kollektiv disponiert" wird, als "Freizeit" sprechen, würde er sich wohl der Gefahr aussetzen, einen, wie der Duden bisweilen in solchen Fällen feststellt, "veralteten" Begriff zu verwenden. Diese Art "Freizeiten" wird mittlerweile mit vielerlei anderen Namen belegt.
Dieses in solchen Anlagen zum Ausdruck kommende, hoch differenzierte, "kunstvoll arrangierte System von Regeln, die verbindlich einzuhalten sind", mit dem Begriff "Freizeit" in der zweiten von Habermas erwähnten Bedeutung zu belegen, der nicht individuell disponiblen Zeit, scheint also deutlich an Gewicht verloren zu haben. Was überhaupt nicht heißt, dass diese Art Einrichtungen ebenso an Gewicht verloren hätten. Vielmehr scheint das Gegenteil der Fall. Der andere Freizeitbegriff, der die "von Berufsarbeit freie Zeit, die von ihr ausgesparte oder übrig gelassene Zeit", meint, hat hingegen deutlich an Gewicht zugenommen. Gleichwohl, will mir scheinen, gilt die so verstandene Freizeit immer noch "als eine Art Rest", d.h. sie scheint nach wie vor "negativ" besetzt. Oder tut sich da doch etwas? Vielfach wird ja behauptet, wir seien mittlerweile in einer postindustriellen Gesellschaft angekommen. Da der Blick auf die eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse immer ein wenig schwer fällt, will ich diesbezüglich und bezüglich der Kleingärten auf die japanische Gesellschaft verweisen, die, der deutschen durchaus ähnlich, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen massiven Wirtschaftsaufschwung erlebte.
Dabei gibt es bis in die jüngste Zeit hinein reichende deutsch-japanische Verbindungen. 1926 entstanden nach dem Vorbild deutscher Kleingärten 'Bürgergärten' in Osaka, die wesentlich auf Hajime Seki (1873-1935), den 7. Oberbürgermeister von Osaka, zurückgehen. Seki hatte um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Belgien sowie in Deutschland an der Universität Berlin studiert. In der sich damals besonders in Frankfurt am Main, Berlin und Leipzig formierenden Kleingartenbewegung sah Seki eine Möglichkeit, "den großen Problemen, denen die Stadt Osaka ausgesetzt war, wie Bevölkerungskonzentration, zunehmende Verelendung und Mangel an Grünflächen, entgegenzuwirken". Die erste Klein- und Schulgartenanlage Osakas, der Shirokitakoen, wurde am Ufer des Yodogawa angelegt. Zur besseren Lesbarkeit habe ich den Plan koloriert. Inzwischen gibt es diese Anlage nicht mehr. Doch seit 2003 ist der internatonal recht aktive Junichi Seki, der Enkel des damaligen Oberbürgermeisters, der 17. Oberbürgermeister von Osaka und vielleicht hat er ja wieder etwas übrig für solche Anlagen.
Hajime Seki, Junichi Seki, Akemi Kikuchi, Ren Azuma Als im Oktober 2005 eine Delegation aus Hamburg in Osaka war - Osaka und Hamburg sind Partnerstädte - hat Frau Hiromi Kikuchi bei einem Empfang in Osaka gedolmetscht. Frau Kikuchi war schon mehrfach in Deutschland und kennt einige der Kleingartenanlagen hier. Ihre Mutter Akemi Kikuchi hat ihre Magisterarbeit über den Shirokitakoen geschrieben. Vor einigen Jahren (1994) war sie erstmals im Deutschen Kleingärtnermuseum in Leipzig und hat so eine der kleingärtnerischen Verbindungen von Deutschland nach Japan wieder hergestellt. Vielen von uns geht es bezüglich der Vorstellungen über die japanische Gesellschaft kaum anders als den österreichischen Studienanfängern der Japanologie. Dort haben 2003 durchgeführte Erhebungen ergeben, "dass selbst in einer Generation, die Japan gegenüber wohl mehr Sympathien hegt als jede andere zuvor, das Japanbild nach wie vor eher von traditionalistischen Elementen, also einer hohen Arbeitsethik und kollektivistischen Eigenschaften, geprägt ist als von postmodernen, also individualistischen und hedonistischen Einstellungen".
Es zeigte sich also, dass "die Ansicht von den fleißig-strebsamen Japanern ... hartnäckig wandlungsresistent" ist obwohl die Allgegenwärtigkeit japanischer Reisegruppen, sei es nun in Hohenschwanstein oder in einem Kleingartenverein in Berlin, auch dazu beitragen könnte, diese Vorstellung zu verändern.
Titel, Bertram und Gröning KG, Leipzig 1996 Anlässlich meiner Besuche in verschiedenen Kleingartenanlagen Japans war ich sehr überrascht, als mir dort unsere 1995 und 1996 erschienenen Bücher über das Kleingartenwesen in Leipzig und Frankfurt am Main vorgelegt wurden. Nun, zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird die Freizeitdebatte nicht mehr so intensiv wie noch vor einigen Jahrzehnten geführt. Gleichzeitig wird in den postindustriellen Gesellschaften immer deutlicher, dass die Vollbeschäftigung, also ein von 40 und mehr Jahren Arbeit geprägtes Leben, stark abnehmen und zukünftig immer weniger wahrscheinlich wird.
Karikatur Schwalme, "Es war einmal ...", 2006, Tagesspiegel Das heißt, es ist letztlich unübersehbar, dass sich die Arbeit, die das ganze 20. Jahrhundert hindurch wesentlich das bestimmte, was je individuell als Freizeit begriffen wurde, dazu immer weniger eignet. Das Verhältnis von Arbeit und Freizeit verschiebt sich zugunsten der Freizeit. Dazu trägt auch die steigende Lebensalterzeit bei. Mit zunehmendem Bildungsstand haben sich nicht nur die Phasen der Ausbildung bis zum ersten Berufseintritt verlängert, sondern es steigt auch die Dauer der Zeit zwischen dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben und dem Tod.
8-Stunden-Tag, Plakat, frühes 20. Jahrhundert Die gesellschaftliche Sicherung von Freizeit, wofür ab dem späten 19. Jahrhundert und über viele Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts insbesondere von den Gewerkschaften massiv gekämpft und eingetreten wurde, entbehrt in zusehends größer werdenden Teilen der Bevölkerung der Orientierung weil die Arbeitssituationen gegen die solche Freizeiten durchgesetzt werden müssen, immer weniger bestehen. Die Schwierigkeiten des frühen 21. Jahrhunderts scheinen für viele eher darin zu liegen, dass sie für ihre Freizeit zu wenig Geld haben. Nicht zuletzt dieses Defizit scheint mitverantwortlich dafür, dass Freizeit immer noch als Rest gilt, d.h. in diesem Kontext negativ besetzt wird. Wie sich der diesbezügliche gesellschaftliche Wandel vollzieht, wird wesentlich davon abhängen ob es mittel- und langfristig dazu kommt, für alle ein so genanntes Grundeinkommen zu sichern, das dazu beitragen könnte, aus dem Negativimage dieser strukturell zunehmenden Freizeit ein Positivimage werden zu lassen. Die Diskussion dazu ist seit einiger Zeit im Gang und ich kann mir vorstellen, dass in einigen Jahrzehnten mit einem gewissen Unverständnis auf das Zeitalter der Arbeitsgesellschaft zurückgeblickt wird. So gesehen könnte man also von einer sich entwickelnden Freizeitgesellschaft sprechen. Andererseits wird vielen immer deutlicher, dass sie zwar weniger Arbeitszeit haben, daraus jedoch nicht in gleichem Maß Freizeit entsteht. Vielmehr wird in dieser vermeintlichen Freizeit viel Eigenarbeit notwendig. Sei es, dass handwerkliche Arbeiten anfallen, die wegen zu hoher Kosten für die Bezahlung anderer selber erledigt werden müssen. Sei es, das familiäre Pflichten erfüllt und Kinder erzogen werden. Sei es, dass gesundheitliche Vorsorge betrieben werden muss. So betrachtet sind wir weit von einer Freizeitgesellschaft entfernt und werden sie so schnell nicht erreichen. Doch welche Rolle könnte unter solchen Bedingungen dem Kleingartenwesen zukommen? Dazu zunächst einige Worte zum Kleingartenwesen als Element urbaner Gartenkultur und zur weltweiten Tendenz der Verstädterung.
Wenngleich viele in Europa Schwierigkeiten haben, das wahrzunehmen, so ist doch unübersehbar, dass sich weltweit eine Verstädterung der Menschheit vollzieht.
Tabelle, Anteile der Stadt- und Landbevölkerung weltweit, Bundeszentrale für politische Bildung, 2006 Wie man der Tabelle entnehmen kann, lebten gegen Ende des Jahres 2006 weltweit menschheitsgeschichtlich erstmals mehr Menschen in Städten als in ländlichen Regionen. Was für Berlin in der zweiten Hälfte als beinahe ungeheuerlich galt, die starke Zunahme der Bevölkerung und die gleichzeitig stattfindende Reduktion der Freiräume, die entscheidend zur Ausbildung des Kleingartenwesens in dieser Stadt beigetragen hat, fand einige Jahrzehnte später in noch viel größerem Ausmaß und von den Europäern vielfach unbemerkt an anderen Orten der Welt mit teilweise katastrophalen Auswirkungen statt.
São Paulo, zentrale Stadtbereiche, Bela Vista, Consolacão, Aufnahme GG So stieg z.B. die Bevölkerungszahl der brasilianischen Metropole São Paulo im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts jährlich um rund eine halbe Million Einwohner an. D.h. jedes Jahr kam im Stadtgebiet von São Paulo die Zahl der Einwohner einer Mittelstadt wie etwa Hannover hinzu. Bei gleich bleibender Größe der Stadtgebiete reduzierten sich die Flächen der Freiräume in weniger als einem Jahrhundert drastisch. Dennoch zeigen die Bewohner solcher Metropolen immer wieder ihr Interesse an urbaner Gartenkultur, nicht nur in den peripheren sondern durchaus auch in zentralen Lagen. Auf dem Bild sehen Sie einen Kleingarten in der Nähe des Praça da Sé. Wenn ich bezüglich der Lage einen Vergleich mit Berlin ziehen sollte, dann würde der Garten in der Nähe des Potsdamer Platzes liegen.
Verstädterung weltweit, insbesondere entlang des Äquators und auf der Südhalbkugel, Karte Institut für Städtebau und Landesplanung, Universität Karlsruhe Ähnliche Entwicklungen laufen an anderen Orten der Welt ab und werden die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts prägen. In der mit Vancouver und Seattle vergleichbaren japanischen Agglomeration von Tokio und Yokohama bilden sich entsprechend riesige Themenparkanlagen heraus, die eine in dieser Dimension neue Qualität der Urbanisierung darstellen. Die Innenstädte japanischer Großstädte sind in einem Ausmaß kommerziell auf die "neue Freizeit" ausgerichtet, die in Deutschland (noch) unvorstellbar ist.
Hong Kong, Stadtplanung, please visit our websites 2006, Aufnahme GG Von Hong Kong bis Brasilien entstehen derzeit durch den Wandel von einstigen alten Hafengebieten und das Aufschütten von Land in relativ flachen Gewässern neue "Freizeitlandschaften". Über die großen Planungen in Hong Kong kann man sich auf verschiedenen Webseiten laufend informieren.
New York, Westchester County, Playland 1928, Rye Beach, 2006, Aufnahme GG Dagegen muten die einst in den späten 1920er Jahren als sensationelle Neuigkeiten begründeten Spiel- und Strandparkanlagen am Stadtrand von New York wie etwa das "Playland" in Rye Beach, in der nördlich an New York City angrenzenden Westchester County sichtbar "veraltet" an. Neben diesen beinahe überwältigenden, differenzierten Anlagen mit einem "kunstvoll arrangierten System von Regeln, die verbindlich einzuhalten sind", entwickeln sich jedoch in vielen solcher Agglomerationen auch kleine Gartenanlagen, die Elemente dieser urbanen Gartenkultur repräsentieren.
Titel Ein starkes Stück Berlin 1901-2001, 100 Jahre organisiertes Kleingartenwesen in Berlin, 2001 In Deutschland und anderen Ländern Europas kennen wir Kleingärten seit mehr als 100 Jahren als Elemente urbaner Gartenkultur. In einzelnen Städten, wie z.B. Berlin, ist diese Entwicklung dank einschlägiger Veröffentlichungen auch gut dokumentiert. Stellvertretend verweise ich hier auf den 2001 erschienenen Titel "100 Jahre organisiertes Kleingartenwesen in Berlin". In den schnell wachsenden Städten Nordamerikas sind Kleingärten erst im späten 20. Jahrhundert verstärkt auf den Plan getreten. Die Kleingärten Nordamerikas sind die 'community gardens', die sich 1985 in der 'American Community Gardening Association' (ACGA) zusammengeschlossen haben.
Interbay III, P-Patch community garden, Seattle, Aufnahme GG Beispielhaft verweise ich hier auf die 'community gardeners' in Seattle, die unter dem dort bekannten Namen "P-Patch Program" in den 1970er Jahren, aufgrund der Initiative von Darlyn Rundberg Del Boca, einer Studentin der University of Washington, ganz ähnlich wie einst Gesell und Hauschild in Leipzig, mit Gartenbeeten für kleine Kinder anfingen und von helfenden Eltern allmählich erweitert wurden. P-Patch war einst das von der Familie Picardo in Seattle erworbene Grundstück, von dem aus sie so genanntes "truck-farming", d.h. den Verkauf von Obst und Gemüse mit einem Pritschenwagen betrieb. Auf einem Teil dieses Grundstücks wurden, nach dem das "truck-farming" in den frühen 1970er Jahren unökonomisch geworden war, von Del Boca kleine Pflanzbeete angelegt, die von Kindern gepflegt wurden. Schnell kamen auch Erwachsene hinzu, die 1994 u. a. ein Kochbuch mit Rezepten und einigen wenigen Worten zu der Geschichte ihrer Kämpfe um Flächen für urbane Gartenkultur veröffentlichten. Im amerikanischen Nordwesten kann man in der Stadt Seattle seit vielen Jahren an der steigenden Zahl der Straßennummern nach Norden hin ablesen, um wie viel Einheiten sich das Stadtgebiet jährlich erweitert. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen und in nicht allzu ferner Zukunft wird es eine riesige städtische Agglomeration an der Pazifikküste von Vancouver, Canada, über Bellingham, Mount Vernon, Seattle bis nach Tacoma geben.
Green Guerillas, Benefit Celebration, New York City 2006 Stärker auf die Interessen einer relativ armen und relativ chancenlosen städtischen Bevölkerung ausgerichtet ist die in San Francisco und der Bay Area operierende San Francisco League of Urban Gardeners (SLUG), die 1983 begründet wurde. SLUG trägt seit vielen Jahren erfolgreich dazu bei, sich chancenlos glaubende Jugendliche und junge Erwachsene über Gartenarbeit und damit verbundene Aktivitäten in den Kontext städtischer Zivilisation einzubinden. In New York City gehören 'Green Thumb', die für die Gemeinschaftsgärten zuständige Abteilung des Gartenamtes, die 'Green Guerillas' und andere mehr, seit vielen Jahren zu den Vertretern einer aktiven 'community garden' Bewegung.
Datscha mit Garten, Ekaterinburg, Russland - Aufnahme Ekaterina Lichtenstein Die Bewohner russischer Städte nutzen seit vielen Jahrzehnten große Datschengebiete nicht nur zur Erholung sondern wesentlich auch zur Produktion von Obst und Gemüse. Diese kleingartenähnlichen Anlagen liegen dort zumeist in den Wäldern am Rand der Städte. Die hier gezeigten Beispiele stammen aus Ekaterinburg, einer Stadt von 1,3 Millionen Einwohnern an den südöstlichen Abhängen des Ural.
Takane Kleingartenanlage, Präfektur Yamanashi, Übersichtsplan, Aufnahme GG In dem bereits erwähnten Japan gibt es in ländlichen Gebieten 'Kleingärten', die bisweilen auf den ersten Blick kaum von einer Kleingartenanlage in Deutschland zu unterscheiden sind. Hin und wieder führen sie auch die deutsche Bezeichnung 'Kleingarten' im Namen.
Kleingartenanlage "Minami oitsumi sanchome", Tokyo, Stadtteil Nerima, Aufnahme GG In den räumlich zumeist viel beengteren japanischen Städten liegen zumeist kleinere, dem amerikanischen Vorbild der "community gardens" folgende Kleingärten. Weltweit sind also, in unterschiedlichen Formen, Kleingärten Teil der vielfältigen urbanen Gartenkultur in einer sich entwickelnden Freizeitgesellschaft. Welche Rolle sie in diesem Zusammenhang spielen bzw. spielen können, will ich im folgenden Kapitel über das Kleingartenwesen als Organisation und Gelegenheit zur aktiven politischen und sozialen Teilhabe kurz ansprechen.
Wenngleich die Nutzung eines Kleingartens vielen als durch und durch private Angelegenheit erscheinen mag, so haben die einzelnen Kleingärtner, historisch betrachtet, doch mehr oder weniger schnell die Erfahrung gemacht, dass sie ihrer Tätigkeit nur begrenzt sicher nachgehen können. In Deutschland und einigen anderen Ländern Europas haben diese, vor allem im Lauf des 20. Jahrhunderts vielfach gemachten, Erfahrungen der Unsicherheit kleingärtnerischer Nutzungen zu gesetzlichen Regelungen geführt. In der Bundesrepublik gilt das Bundeskleingartengesetz von 1983. Die darin getroffenen Regelungen kamen nicht von allein sondern mussten in langen Kämpfen politisch durchgesetzt werden.
Schafft Dauerkolonien, Plakat um 1930 Eine, um nicht zu sagen die wesentliche, Voraussetzung dafür ist das Vorhandensein einer handlungsfähigen Organisation. Der heutige Stand des Kleingartenwesens in der Bundesrepublik Deutschland ist das Ergebnis mühsamer und sehr langwieriger politischer Bemühungen um die Bildung einer differenzierten Organisationsstruktur, die den jeweiligen gesellschaftlichen Strukturen entsprechend, kleingärtnerische Belange vertreten kann. Zwar mag durchaus auch ein einzelner Kleingärtner seine Ziele zu verfolgen, doch wenn es etwa um die Verlegung, die Verkleinerung oder gar die Räumung mehrerer in einer Anlage zusammenliegender Kleingärten geht, wird sehr schnell sichtbar, dass dann überindividuelles, besser, organisiertes Handeln vonnöten ist. Die in der Bundesrepublik entwickelte Organisation in Vereinen, Bezirks- und Landesverbänden sowie einem Bundesverband beweist bis in die jüngste Zeit hinein immer erneut ihre gesellschaftspolitische Wachheit. Beispielhaft will ich nur auf den jüngsten, 2006 erfolgten Angriff des Hamburger Senats auf das Bundeskleingartengesetz verweisen, der "die unbegrenzte Bebaubarkeit von Kleingartenparzellen über Landesbestimmungen" vorschlug. Die von den Kleingärtnern aufgrund langjähriger Erfahrungen entwickelte Organisationsstruktur bietet Gelegenheit zur aktiven politischen und sozialen Teilhabe auf den unterschiedlichen Ebenen. Wie man sich die vorstellen kann, zeigt z.B. im Dezemberheft 2006 der Berliner Ausgabe des Gartenfreunds Wolfgang Wölfer, der Vorsitzende des Bezirksverbands der Gartenfreunde Pankow e.V. In einer Art 'Leitartikel' für das Heft verweist er darauf, dass in diesem Bezirksverband "400 Freiwillige ehrenamtlich aktiv für 72 Mitgliedsvereine mit 7100 Unterpächtern" sind. Sie sind in ihrer Freizeit als u. a. Gartenfachberater, als Mitglieder von Kommissionen für Gartenbegehungen, für die Organisation von Wettbewerben und Festen, für Jugendarbeit, für die Gestaltung des Vereinslebens und als Mitglieder der Vereins-, Bezirks- und Landesverbandsvorstände tätig. Dieses ehrenamtliche Engagement reicht bisweilen weit über die unmittelbare Gartenarbeit hinaus, die ebenfalls eine wesentliche Rolle in der sich entwickelnden Freizeitgesellschaft spielt. Ein besonderes Beispiel für die Bedeutung dieses freizeitlich-ehrenamtlichen Engagements ist das im 20. Jahrhundert über 50 Jahre bis zum schließlichen Erfolg im Bundesbaugesetz von 1960 immer wieder vorgetragene Interesse, die Anlage von Kleingärten, so wie andere städtische Nutzungen auch, in der Bauleitplanung, d.h. auf der Ebene des Flächennutzungsplans und der Ebene des Bebauungsplans zu berücksichtigen.
Hegemann, Familiengärten und Bebauungsplan 1912 Einen ersten bedeutenden Vorstoß in dieser Richtung hatte 1912 der Architekt und Städteplaner Werner Hegemann (1881-1936) auf der 6. Konferenz der Zentralstelle für Volkswohlfahrt in Danzig mit seinen Ausführungen zum Thema "Familiengärten im Rahmen des Bebauungsplans" unternommen. Er hatte damals u. a. gefordert: "Für bequeme Verbindung der Laubenlandgebiete mit den Mietkasernengebieten, denen sie entsprechen, muss durch besondere Verkehrsgelegenheiten gesorgt werden. Die Lasten, die aus der Anlage dieser Laubenlandgebiete in den Vororten entstehen, müssen auf die mit Mietkasernen bebauten Teile des Stadtgebiets mit umgelegt werden, d.h. sie dürfen nicht auf die Aufschließungskosten des Neulandes verrechnet werden".
Kleingartenentwicklungsplan Berlin 2004, Titel Nun, mittlerweile wird in den Tageszeitungen angekündigt, wenn Bebauungspläne, in denen kleingärtnerische Belange zum Tragen kommen, ausliegen und seit 2004 gibt es in Berlin einen von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung vorgelegten Kleingartenentwicklungsplan, der entsprechendem Handeln als Leitlinie dient. Welche Chancen der Entwicklung des Kleingartenwesens sich bezüglich der politischen und sozialen Teilhabe im Rahmen einer sich allmählich herausbildenden Gesellschaft, in der Freizeit mehr und mehr mit einem positiven Inhalt versehen wird, auftun, zeigt nicht zuletzt die vor kurzem (2006) vom Bundesverband der Gartenfreunde herausgegebene Broschüre "Miteinander leben, Integration im Kleingarten".
Miteinander leben, Integration im Kleingarten, BDG-Broschüre 2006 Beispielhaft scheint mir, wie hier auf der Basis einer Seminarveranstaltung des Bundesverbandes, an der mehr als die Hälfte so genannter "Spätaussiedler" teilnahmen, ein Leitfaden entwickelt wird, der deutlich macht, dass viele Mitglieder von Kleingartenvereinen in ihrer Freizeit "aktive Sozialarbeit" leisten.
ACGA, community building and organizational development through community gardening, Philadelphia, PA, 2001 Dieses, wie man in den Vereinigten Staaten von Amerika sagt, "community building and organizational development through community gardening", das Bilden von Gemeinschaften und der Auf- und Ausbau organisatorischer Entwicklung durch Kleingärten, scheint mir ein wesentliches Element demokratischen Staatsverständnisses, dem in einer sich entwickelnden Freizeitgesellschaft besonderes Gewicht zukommen könnte.
Manche, wohl vor allem Ältere, mögen sich an Gartenarbeit ungern erinnern weil sie damit vor allem von elterlicher Autorität erzwungenes Unkrautjäten verbinden.
Doch geht es auch anders. Verständnisvolle elterliche Hilfe beim ersten kleinen Gartenbeet vermag durchaus auf die Freuden gärtnerischer Tätigkeit verweisen. Sei es z.B., dass einem gezeigt wird wie man sät und dann relativ schnell sehen kann, wie entsprechende Pflege, d.h. ggf. gießen und schattieren, zu Blüten und Früchten führt, die schön anzusehen und gut zu genießen sind.
Meritaton überreicht ihrem Gemahl, dem Pharao Semenchkare (Regierungszeit 1335-1332 v.d.Zw.)im Garten geschnittene Blumen, Berliner Gartenspaziergang, 14. Jh. v.d.Zw. Aus dem eigenen Garten geschnittene Blumen zum Geburtstag oder zu anderen Anlässen zu überbringen oder selbstlos im eigenen Garten erzeugte Früchte zu überreichen, scheint vielfach bei denen, die aufgrund ihrer gärtnerischen Aktivitäten schenken können, wie auch bei den Beschenkten besondere Zufriedenheit auszulösen. Das kann man vielfach in Kleingartenanlagen erleben.
School Gardens, Plakat 1915, USA Weltweit wurde in den Schulen ab dem späten 19. Jahrhundert gezielt in Schulgärten und später in so genannten Zentral-Schulgärten das kindliche Interesse an gärtnerischer Beschäftigung mit der Umwelt befördert. In der Aufbruchstimmung der Weimarer Republik wurden mit den Schulgärten auch Spielflächen, Planschbecken und Sandkästen verbunden. In Übereinstimmung mit den dann besonders im Nationalsozialismus verfolgten Bestrebungen, wirtschaftlich autark zu werden, wurden Schulgärten dazu instrumentalisiert, die größer werdenden ökonomischen Schwierigkeiten und die steigende Zahl der Arbeitslosen zu verringern und sollten dazu dienen, die Blut-und-Boden-Idee verwirklichen. Näher am kindlichen Interesse an solch gärtnerischer Beschäftigung hatte schon Cronberger 1909 festgestellt, dass zu viel von einem Schulgarten zu erwarten, dieser Idee eher schädlich als nützlich sei. In den Abbildungen sehen Sie einige Beispiele für diese weltweiten Interessen an schulgärtnerischer Aktivität, die bis in die jüngste Zeit reichen. Das Beispiel aus dem Frankfurter Palmengarten, in dem es um so genannte fleischfressende Pflanzen, verschiedene Droseraformen, Sonnentau, geht, vermag immer erneut besonderes kindliches Interesse zu erregen. Die Arbeit in den Schulgärten stellt nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Vermittlung von botanischen und biologischen Kenntnissen dar sondern kann auch den Keim für eine spätere gartenkulturelle Beschäftigung als sinnstiftende Freizeitaktivität legen.
A. A. Schibanow 1961: Biologieunterricht, Schulgartenarbeit und polytechnische Bildung, Moskau (1958, russisches Original) Während in der Bundesrepublik die Schulgärten allmählich dahinschwanden, war in der DDR der Unterricht im Schulgarten bis zur Wende 1989/1990 in der Grundschule selbstverständlich. Sicher mögen auch dort nicht nur positive Erfahrungen mit der Arbeit im Garten gesammelt worden sein. Doch bestimmte Grundfertigkeiten im Umgang mit Pflanzen wurden wohl vermittelt und halfen dem oder der einen oder anderen wohl auch, einen Sinn in dieser Art der Beschäftigung mit der äußeren Natur zu sehen. Mag sich das Interesse daran während der Pubertät und der Jugend weitgehend verflüchtigen, so ist doch unverkennbar, dass es bei vielen später wiederkehrt. Sei es, dass sie nun selber Kinder haben, denen sie den Garten nicht nur als Spielort sondern auch als Erfahrungsraum im Umgang mit Pflanzen nahe bringen wollen.
Neue Kleingartenlauben, Bundesgartenschau München 2005, Aufnahme GG Sei es, dass sie mit ihrer Tätigkeit im Garten sichtbar die Defizite in ihrer Erwerbsarbeit ausgleichen oder sei es, dass sie, der Erwerbsarbeit aus Alters- oder sonstigen Gründen ledig, nun in der Gartenarbeit eine sinnstiftende und lebensbejahende Aktivität sehen. In all diesen Fällen beschäftigen sich die Menschen mit außermenschlicher Natur und lernen so deren längst noch nicht erschlossenes Potential unmittelbar kennen. Das mag gerade angesichts des im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert zunehmenden Bewusstseins für die Verletzlichkeit äußerer Natur von besonderer Bedeutung sein. Der Garten birgt Chancen, für einen kulturellen Wandel im Lauf des 21. Jahrhunderts zu sensibilisieren. Der Aufbruch in eine zivilisatorische Zukunft mit sich relativ schnell verändernden klimatischen Bedingungen, mit neuer, raffinierter Nutzung vorhandener Energien könnte sich in neuen Formen der Gartenkultur widerspiegeln. Die neuen Lauben, z.B. auf der Bundesgartenschau in München 2005 aber auch hier in Berlin auf der Grünen Woche, sind nur eine Facette dieser innovativen Seite der urbanen Gartenkultur.
Abschließend will ich in aller Kürze auf zwei mir besonders wichtig erscheinende Ziele zukunftsorientierter Kleingartenpolitik aufmerksam machen, wie immer die Gesellschaft dann begriffen wird, ob nach wie vor als Arbeitsgesellschaft oder als Freizeitgesellschaft. Das wichtigste Ziel zukunftsorientierter Kleingartenpolitik scheint mir, sich des ständigen gesellschaftlichen Wandels bewusst zu sein. Kleingartenpolitische Aktivität darf keinen Stillstand kennen.
Berlin, Kleingartenanlage Pfefferluchwiesen, Gartenzwerge, Wildgarten, Aufnahme GG So groß das individuell durchaus berechtigte Interesse an einer friedlichen Gartennutzung in einer hoch zivilisierten Gesellschaft sein mag, so gefährlich wäre es doch, wollten sich die, die es aus welchen Gründen auch immer geschafft haben, einen Kleingarten zu nutzen, zukünftig jeder Art gesellschaftlicher Teilhabe entziehen. Sie müssen verstehen, dass auch eine kleingärtnerische Nutzung nicht einfach vom Himmel fällt sondern Ergebnis langjähriger, immer wieder neu zu begründender Bemühungen ist.
Der Fachberater 4/2006 Wesentliches Element dieser Bemühungen ist die Kommunikation entsprechender Vorstellungen auf Tagungen wie dieser, in Zeitschriften wie dem "Fachberater" und "Gartenfreund", und in vielen formellen und informellen Sitzungen und Gesprächen, die dem Fortbestand des Kleingartenwesens unter sich wandelnden gesellschaftlichen Verhältnissen gelten. Bezüglich der zentralen Rolle der Zeitschriften zitiere ich aus einer Mitteilung, die 1928 in der "Kleingartenwacht" erschien und im Mai 2006 im "Fachberater" in einem kleinen Beitrag über die "Geschichte von Zeitschriften der Kleingärtnerverbände" nachgedruckt wurde. Es heißt dort: "Wenn aber das Mitglied sich für seinen Verband begeistern und die Außenstehenden die Verbandsarbeit beachten sollen, dann ist es nötig, dass nicht nur kleingartentechnische Winke und Vereinsberichte in der Zeitschrift stehen, sondern die grundsätzlichen Fragen der Bewegung und des Verbandsausbaus erörtert werden".
Yoshiharu Kaitani, Im Leben nach dem Kleingarten streben, Tokyo 1998, Titel Ein weiteres wichtiges Ziel zukunftsorientierter Kleingartenpolitik - und damit schließe ich meinen Vortrag ab - scheint mir die Weiterentwicklung der internationalen Orientierung des Kleingartenwesens. Dem kommt die strukturell angelegte Internationalität der Gartenkultur entgegen. Ich verweise noch einmal auf Japan und das dort 1998 erschienene Buch 'Im Leben nach dem Kleingarten streben' (Seikatsu no naka no shimin noen wo mezashite) von Yoshiharu Kaitani. So wie seit langem Saaten und Samen aus fremden Ländern in den Berliner Gärten zu gelben Minitomaten, Zucchinis oder Maiskolben herangezogen werden, aus China stammende, vermeintlich 'echt' neuseeländische, Kiwis an den von südlich der Alpen zu uns gekommenen Pergolen empor ranken und, neben anderen gestalterischen Dimensionen, die topiarische Gartenkunst der alten Römer praktiziert wird, werden auch Menschen aus anderen Ländern, ihr Wissen in die Freizeit-Gartenkultur des 21. Jahrhunderts bringen. Der Garten als Kontrast zur digitalisierten Welt der Arbeit und des Konsums könnte bei der Entwicklung zur Freizeitgesellschaft eine wichtige Rolle spielen. Er könnte ebenso einen wesentlichen Beitrag zur sinnvollen Ausnutzung des steigenden Freizeitpotentials einer alternden Bevölkerung leisten wie er dem Interesse jüngerer Haushalte an neuen Formen urbaner Gartenkultur entgegenkommen könnte. Das verspricht Zukunft und das verspricht besonders gefördert zu werden.
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