Tipps für den Garten
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Verfasst am 05.06.2015 um 18:00 Uhr

Naturnah zu gärtnern zeigt ausgeprägtes Umweltbewusstsein     


Beispiel einer naturnahen Parzelle in der Schöneberger Kolonie Spreewald: Eine Augenweide ist das Arrangement aus Buntnessel, Basilikum, Wunderblume, Sommeraster, Zinnie, Indianer- und Duftnessel sowie Anemone. Foto: H. Dange

Gärten erfreuen durch Düfte, Formen und Farben – ihre Gestaltung sollte so unterschiedlich und individuell wie ihre Besitzer sein. Langweilig, beliebig und austauschbar sind solche, in denen kurz geschorener Rasen und immergrüne exotische Gehölze dominieren – was aus Sicht der heimischen Tier- und Pflanzenwelt einer ökologischen Wüste gleicht. Naturnah gestaltete Gärten dagegen stellen geradezu ein Paradies für die heimische Flora und Fauna dar. Deutschlandweit wurden hier rund 2500 Tierarten nachgewiesen, darunter allein 650 Schmetterlings- und 100 Vogelarten.


Für den naturnahen Garten gelten keine strengen Gestaltungsformalien. Wichtig ist, mit der Natur und den ihr eigenen Gesetzen und nicht gegen sie zu gärtnern. Keineswegs ist mit „naturnah“ gemeint, alles wild durcheinander wuchern zu lassen. Der Natur wird zwar Raum zur Entwicklung gegeben, ohne dass der Gärtner aber auf lenkende Eingriffe verzichtet. Pflegemaßnahmen richten sich stets nach dem individuellen Charakter des Gartens und seiner natürlichen Umgebung. Ein naturnaher Garten ist also kein Zeichen für Müßiggang seines Besitzers, sondern sichtbarer Beweis seines ausgeprägten Umweltbewusstseins.


Im naturnah gestalteten Garten finden überwiegend heimische, standortgerechte Pflanzen ein Zuhause. Letzteres ist besonders wichtig, denn wachsen Pflanzen am falschen Platz, sind sie anfälliger gegen Krankheiten und Parasiten, was für heimische Gewächse und Exoten gleichermaßen gilt.


Nabu-Ökogarten: Stellt man Wildbiene, Florfliege und Co. ein geeignetes Quartier, wie ein Insektenhotel, zur Verfügung, werden die Bestäubung der Pflanzen gefördert und gleichzeitig Blattläuse und andere Schädlinge in Schach gehalten.

Intakte Symbiose

Im Laufe der Entwicklungsgeschichte bildeten Pflanzen und Tiere Lebensgemeinschaften. Insbesondere Insekten sind auf bestimmte Nahrungspflanzen spezialisiert, ohne die sie nicht existieren können; die Pflanzen ihrerseits bedürfen wiederum der Insekten bei der Befruchtung. Sie entwickelten Strategien, mit dem Fraßdruck bestmöglich fertig zu werden. Mit einer einzigen heimischen Pflanzenart, die aus unseren Gärten verloren geht, wird auch einer Reihe von Tieren ihre Existenzgrundlage entzogen. Allein an und von der bei Gärtnern als hartnäckiges „Unkraut“ gefürchteten Quecke leben knapp 80 Tierarten.


Andererseits können sich gebietsfremde Pflanzen, aber auch Zuchtformen heimischer Gewächse vielfach nicht in hiesige Lebensgemeinschaften einfügen und bieten heimischen Tieren nur bedingt oder überhaupt keine Nahrung. Ein Beispiel hierfür ist der aus Asien stammende Sommerflieder, der zwar für Falter eine sehr begehrte Nektarquelle, als Raupenfutterpflanze jedoch völlig wertlos ist. Lebensnotwendige Nahrungspflanze für die Raupen des Kleinen Fuchses und weiterer Arten wie Tagpfauenauge und Admiralist ist hingegen die Brennnessel. Ohne Brennnesseln also keine Falter, und ohne Brennnesseln auch keine Vögel, die von den Raupen leben. Dies soll jedoch nicht bedeuten, den Garten unkontrolliert mit Wildkräutern überwuchern zu lassen, sondern Wildkräuter in einigen Ecken zu dulden. 


Ziel einer naturnahen Gartengestaltung ist die Förderung einer möglichst hohen Artenvielfalt. Je größer sie ist, desto geringer die Gefahr, dass sich bestimmte Arten, die wir Menschen als lästig oder gar schädlich erachten, massenhaft vermehren. In einem naturnahen Garten sind immer auch genügend natürliche Gegenspieler vorhanden, die unerwünschte Tiere dezimieren, so dass getrost auf chemische Gegenmaßnahmen verzichtet werden kann. Marienkäfer und Florfliegenlarven beispielsweise haben einen Riesenappetit auf Blattläuse, Vögel und Schlupfwespen halten gefräßige Raupen in Schach, und Igel und Kröten tun sich an Nacktschnecken gütlich. Bestimmte Nützlinge sind inzwischen über den Fachhandel zu bestellen und ganz gezielt im Garten einzusetzen.


Foto: Brigitte Einführ

Gleichgewicht wahren

In der Regel bietet aber ein möglichst großer Strukturreichtum und die überwiegende Verwendung heimischer Pflanzen im Garten die beste Gewähr für eine hohe Artenvielfalt und damit für ein ökologisches Gleichgewicht.


Nach dem Vorbild der Natur lassen sich Ausschnitte aus verschiedenen Lebensräumen wie Hecke, Teich und Wiese gezielt gestalten. Vor allem in kleineren Gärten kann es jedoch selbstverständlich nicht darum gehen, ein möglichst vollständiges Sortiment verschiedener Biotope zu erschaffen. Aber schon die Anlage beziehungsweise Duldung von Kleinstrukturen wie morsche Baumstubben, Stein- und Reisighaufen oder ungemähte Randstreifen kann erstaunlich viel bewirken. Sie sind Lebensraum und Unterschlupf für eine Vielzahl von Tieren, unter ihnen Rotkehlchen und Zaunkönig, Igel und Wiesel, Lurche und Eidechsen sowie eine Vielzahl von Insekten. Besonders schön macht sich ein Totholzhaufen aus gröberen Aststücken, in deren Hohlräume Laub eingebracht wird. Auch Laub sollte unter Gehölzen unbedingt liegen bleiben, schützt es doch den Boden vor Austrocknung, führt ihm Nährstoffe zu und beherbergt viele Kleintiere. Dazu ist es unumgänglich, sich von überzogenen Ordnungsvorstellungen zu lösen. Der Garten ist kein Wohnzimmer, das bis in den letzten Winkel kontrolliert und aufgeräumt sein muss. Die Natur hat ihre eigene Ordnung und diese zu durchschauen und zu respektieren, ist das eigentliche Geheimnis der naturnahen Gartengestaltung. 



Die Redaktion, Berlinder Gartenfreund 6-2015


Naturnah gärtnern in Stichworten: siehe Pdf

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