Verfasst am 31.10.2022 um 10:39 Uhr

Gut fürs Klima, gut für Berlin    

Staatssekretärin für Umwelt und Klimaschutz zu Gast beim Landesverband    

Im Klimaschaugarten der KGA Grüne Aue: Henry Dinter (2. v. r.) und Dr. Silke Karcher (Bild Mitte).

Die Staatssekretärin für Umwelt und Klimaschutz Dr. Silke Karcher (Die Grünen) war am 26. August zu Gast beim Landesverband Berlin der Gartenfreunde. Gemeinsam mit Mitarbeiterinnen des Referats Freiraumplanung und Stadtgrün in der Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher und Klimaschutz und Mitgliedern des Landesvorstands bereiste sie die Kleingartenanlagen Grüne Aue in Schöneberg-Friedenau sowie Freiheit in Neukölln – stellvertretend für viele andere beispielgebende Vereine.


Drückende Hitze liegt seit Tagen auf Berlin. Doch über dem Südgelände in Schöneberg, dem größten zusammenhängenden Kleingartengebiet der Hauptstadt, zieht langsam eine Gewitterfront herauf. 25 Kleingartenvereine haben hier ihre Heimstatt und es gibt wohl keinen einzigen Gartenfreund, der nicht sehnsüchtig auf den nahenden Regen warten würde.


Auch Henry Dinter gehört dazu. Er ist Vorsitzender der KGA Grüne Aue und begrüßt die Gäste an der Pforte zu einem der Aushängeschilder des Südgeländes, dem vereinseigenen Klima-Schaugarten. Zusammen mit der Gartenfachberaterin Marie Luise Glander – einer von vier, die im Verein Ansprechpartner in Sachen naturnahes und insektenfreundliches Gärtnern sind – möchte er der Staatssekretärin am Beispiel seines Vereins darstellen, wie sich die Kleingärtnerinnen und Kleingärtner der Hauptstadt mit den Folgen des Klimawandels auseinandersetzen. Er berichtet, dass die meisten Gartenfreunde das Regenwasser mittlerweile auffangen und auch hinsichtlich der Bewässerungsmethoden ein Umdenken eingesetzt hat. „Rasensprengen in der Mittagsglut, das macht hier keiner mehr!“


Klimabeet mit vergitterter Wetterstation.

Observation im Klimabeet

Doch auch in der Pflanzenauswahl werde man künftig neue Wege gehen müssen, erläutert Henry Dinter und führt Dr. Silke Karcher und die Mitglieder des Vorstandes zu einem kleinen Beet auf der Vereinsparzelle. „Klimabeet“ steht dort geschrieben, und es ist der Beitrag der Kleingärtner von „Grüne Aue“ am Observations-Netzwerk „Pflanze Klima-Kultur!“. Es sieht seine Aufgabe darin, in mehreren deutschen Städten flächendeckend zu beobachten, wie eigens ausgewählte Pflanzen mit den aktuellen Klimaveränderungen umgehen. „In einem wöchentlichen Monitoring erfassen wir verschiedene Daten wie Wuchs, Blattbildung oder Blüte“, sagt Marie Luise Glander und zeigt auf die vorgegebene Pflanzenanordnung mit einheimischen Kräutern wie Goldrute, Mädesüß oder Steppensalbei. „Da auch alle anderen Beteiligten an verschiedenen Orten ihre Beobachtungen zusammentragen, kann im Vergleich ermittelt werden, ob sich die Entwicklungsstadien im Verhältnis zu früheren Jahren verändert haben. Aber auch regionale Unterschiede werden deutlich, denn alle hatten die gleichen Startbedingungen.“


Ausstellung und Auswertung der Wetterdaten.

Wetterdaten für die Wissenschaft

Als Partner für die Wissenschafthaben sich die Gärtner von „Grüne Aue“ schon seit geraumer Zeit bewährt. Henry Dinter weist auf einen mannshohen Gitterverschlag direkt neben dem Klimabeet. Dahinter befindet sich eine vereinseigene professionelle Wetterstation. Sie liefert zusätzlich Daten für ein weiteres Verbundprojekt, das OpenUCO (siehe Info ganz unten). Die Daten, die hier erfasst und weitergeleitet werden, sind auch aufschlussreich für die Gartenfreunde selbst. Denn die empfindlichen Sensoren messen nicht nur Außentemperaturen und Niederschlagsmengen, sondern auch, wie warm und wie feucht es im Boden ist – dort, wo die Kulturpflanzen im Kleingarten ihren Wurzelbereich haben.


Vier neue Parzellen geschaffen
Der Weg zurück zum Bus führt die Gruppe noch einmal durch das Kleingartengebiet Südgelände, vorbei auch an vier neuen Parzellen am Asternweg, die erst vor einem Jahr dort geschaffen wurden. Dort, wo einst ein alter Bunker stand und später die Vereinsgaststätte, sprießen bereits die ersten Blumen, Kürbisse und Tomaten. Andreas Alex, der Vorsitzende des Bezirksverbands Schöneberg-Friedenau, erzählt der Staatssekretärin, wie die Kleingartenanlagen der Stadt sich auch all jenen öffnen, die selbst nicht das Glück haben, ein paar Quadratmeter für den Obst- und Gemüseanbau und die Erholung nutzen zu können: Einladende Parkbänke sollen künftig ebenso dazugehören wie ein Leitsystem, mit dem man anhand von QR-Codes Wissenswertes aus den Gärten abrufen kann. Andreas Alex deutet auf Körbchen, die an einigen Gartenzäunen angebracht sind. Spaziergänger können sich an hier abgelegten Früchten bedienen. Auch klimatisch, sagt er, ist das Südgelände ein Gewinn für die Anwohner: Hier ist es immer ein paar Grad kühler als in den Wohngebieten ringsum, und das Prinzip der Schwammstadt, in der das Regenwasser nicht in die Kanalisation gelangt, sondern versickern darf, ist bereits mustergültig gelöst. Und wie aufs Stichwort öffnet der Himmel jetzt seine Schleusen...

Im Getreidegarten der KGA Freiheit. Dr. Karcher und Michael Jubelt (li.) im Gespräch über alte und neue Getreidesorten. 

Kleingärten als Begegnungsorte

An der zweiten Station der Reise wartet Michael Jubelt bereits mit einem Bündel Regenschirme. Er ist nicht nur Vorsitzender des größten Bezirksverbands Süden, sondern auch eines der langjährigsten und aktivsten Mitglieder seines Vereins in der KGA Freiheit im Norden Neuköllns. Hier lockt seit 2010 ein selbsterklärender Lehrpfad vor allem Kindergruppen, ältere Spaziergänger und junge Familien in die Anlage und lädt zu Naturerfahrungen für alle Sinne ein (Gartenfreund 3/2021).


Auch für die Anwohner der benachbarten Weißen Siedlung, eines Quartiers mit etwa 4800 Bewohnern aus 46 Nationen, sind die Gärten Begegnungsorte. Unterm schützenden Dach der Vereinsgaststätte, wo die Gruppe auf das Ende des Gewitters wartet, erzählt Martin Graupe aus dem Vorstand von einer Begegnung übern Gartenzaun: Eine türkische Familie war vorbeigekommen, um nach Weinblättern zu fragen. „Ein paar Wochen später waren sie wieder da und hatten unsere Weinblätter dabei – köstlich gefüllt und eingelegt. Wir haben sie zusammen verzehrt und uns dabei wunderbar unterhalten!“ 


Alte Getreide machen nicht schlapp
Diese Geschichte gefällt der Staatssekretärin. Viele Fragen, die sie stellt, zielen auf den Wert, den die Anlagen über die Kleingärtner hinaus für die gesamte Stadtöffentlichkeit haben. Nun möchte sie sich bei einem Spaziergang durch die Anlage selbst überzeugen – trotz des Regens, der noch immer nicht nachgelassen hat. Kurz entschlossen schnappt sie sich einen der großen Schirme und geht voran. Vorbei am Backhaus, wo mehrmals im Jahr Sauerteigbrot gebacken wird, und an einem Schau-Bienenstock geht es direkt zum Getreidegarten. Zu Anschauungszwecken sind hier auf Hochbeeten Roggen und Weizen, aber auch Einkorn, Hirse oder Dinkel angebaut. Fasziniert registriert Silke Karcher, dass die Urgetreide viel besser mit den Witterungsbedingungen klargekommen und als einzige nicht vertrocknet sind: „Dokumentieren Sie diese Beobachtungen“, rät sie dem Vorstand, bevor die Gruppe noch zu weiteren der insgesamt 18 Stationen entlang des Lehrpfades geht und auch dem Kita-Garten eine Visite abstattet.

Im Kita-Garten gibt es natürlich Kinder-Hochbeete, aber auch sonst Platz zum Gärtnern und auch zum Spielen. Sven Wachtmann, Landesgartenfachberater, begleitet Dr. Karcher. 

Knapp eine Stunde hat der Besuch in der KGA Freiheit gedauert. Am Ende hat Michael Jubelt neben etlichen Vorschlägen, wie die Politik das soziale und ökologische Engagement der Berliner Kleingärtner unterstützen kann, noch eine Überraschung für die Gäste aus der Senatsverwaltung: einen Korb voller selbst gefertigter Produkte aus der „Hexenküche“ der Schnippel-Girls, der Bastelgruppe der KGA Freiheit (siehe auch Seite 36/37). Die herzliche Einladung zum Adventsmarkt nimmt Silke Karcher gern an. Der heutigen Begegnung mit rührigen Kleingärtnerinnen und Kleingärtnern der Hauptstadt wird also schon bald eine nächste folgen...


Elke Binas, Redakteurin "Berliner Gartenfreund"






Pflanze KlimaKultur! und OpenUCO
OpenUCO (Urban Climate Observatory) ist ein Verbundprojekt der FU und TU Berlin zur Erfassung und Auswertung von Wetterdaten. Auch Berliner Kleingartenanlagen sind daran beteiligt. Flächendeckend über die Stadt verteilt, bilden die dort existierenden Klimabeete ein regionales Netzwerk zur Erfassung von Regen-, Temperatur- und Luftfeuchtedaten. Die ehrenamtlich betreuten Projekte sind über mehrere Jahre angelegt. Die Klimabeete im Projekt Pflanze KlimaKultur! sind Bestandteil eines bundesweiten Observationsnetzwerks zur Erforschung der Auswirkungen des Klimawandels auf die heimische Flora. In Berlin wird es unter anderem vom Botanischen Garten und Wissenschaftlern der Freien Universität begleitet.


Fotos: Marion Kwart und Verlag W. Wächter

Dieser Textbeitrag ist in der November-Ausgabe 2022 der Verbandszeitschrift "Gartenfreund", Seite 22-23, im Regionalteil Berlin erschienen und mit freundlicher Genehmigung des Verlag W. Wächter auch hier online.